In Deutschland bin ich als Kind und später auch als Erwachsener oft umgezogen. Als Junge lebte ich mit meinen Eltern in Brasilien. Im Nordosten, in Fortaleza. Einer Region, die zur ärmsten und trockensten Gegend Lateinamerikas gehört. Ich war in Europa und Afrika unterwegs. Immer wieder (musste), lernte ich neue Freunde kennen, wechselte meine Jobs und passte mich an mein neues Umfeld an. Ich glaube, ich kann sagen, dass ich den „Kulturschock“ noch nie bewusst erlebt habe. Ich war und bin mir immer bewusst, dass ich bereit sein muss, mich an unterschiedliche Umgebungen und Lebensweisen anzupassen.

Als ich jung war, wurde ich zu einer „ordentlichen Ausbildung“ gedrängt. Ich musste mich entscheiden, ob ich als Beamter enden oder die Welt entdecken wollte.

Ich wollte reisen, die Welt kennen lernen, etwas erleben. Nach mehreren Jahren als Selbstständiger leistete ich mir mal wieder einen längeren Urlaub. Ich besuchte Sosúa in der Dominikanische Republik. Auf einer 2-Tages-Tour lernte ich Las Terrenas auf der Halbinsel Samaná kennen und verliebte mich unsterblich – in die Punta Bonita und ihren karibischen Strand.

Zwei Jahre benötigte ich, um in Deutschland alles so einigermaßen zu regeln. Dann war es endlich so weit. Ich hatte mir vorgenommen die Dom.Rep. ein Jahr lang zu bereisen und Natur und Bevölkerung näher kennen zu lernen. Jessy, meine Schäferhündin war auch mit von der Partie. Aber es kam alles anders wie vorher geplant.

Ich siedelte mich wieder in Sosúa an. Ein wenig verblüfft war ich schon, was sich in den letzten zwei Jahren so alles verändert hatte. Die Leute, die mir Hilfe versprochen hatten, waren entweder nicht mehr da oder „abgesoffen“. Meine Geldmittel würden zwar für eine Weile ausreichen, aber so billig war das Land nicht mehr. Also beschloss ich zunächst meine Reisepläne aufzuschieben, was ja nicht aufgehoben wäre und suchte nach einer Möglichkeit Geld zu verdienen.

Der „Kulturschock“ kam hart, aber herzlich, in Sosúa-Abajo, was auf deutsch „unterhalb von Sosúa“ heißt. Hier mietete ich mir ein kleines Zimmer mit Bad. 15 Quadratmeter groß. Kaum Wasser, nur selten Strom, heiß, ohne Fenster, mitten unter Dominikanern. Um schlafen zu können, ließ ich die Haustüre offen. Um dem Hund die nötige Bewegung zu verschaffen, lief ich jeden Morgen und Abend sechs Kilometer bis zum Strand, wo ich eine Bar gemietet hatte. Aber ich möchte es nicht „Kulturschock“ nennen, sondern eine Lebenserfahrung.

Es dauerte nicht lange und alle kannten den „Gringo“, der anstatt ein Motorradtaxi zu benutzen, zu Fuß durch Sosúa lief. Spanisch hatte ich nie gelernt, ich kann ja kaum deutsch :), aber das als Junge gelernte brasilianisch war mir eine große Hilfe. Die spanische Sprache lernte ich im Umgang mit den Dominikanern. Und nicht nur das. Sie führten mich ein in ihre Kultur, ihre Lebensart und Liebenswürdigkeit zu ihren Mitmenschen.

Sehr bald schon fühlte ich mich wohl. Fing an, mich in dieser karibischen Welt zurecht zu finden und war zunächst jedesmal erstaunt, wenn ein neuer Ankömmling, ja sogar teilweise schon lange im Land lebenden Residenten, über das Land und die Menschen schimpften.

Aber was machen den die „Neuen“, egal ob sie Mitarbeiter von ausländischen Unternehmen und Organisationen sind und zum ersten Mal in „die weite Welt“ geschickt werden und nichts über ihre neue Heimat wissen? Ihnen wird gesagt, dass die Dominikanische Republik ein gutes, bequemes Land zum Arbeiten und Leben sei. Schnell stellen sie fest, dass auch die hiesige, ruhige und glückliche Gesellschaft, so ihre Probleme hat.

Schlimmer noch haben es die, die im Urlaub mal hier waren und wiederkommen. Sie glauben sich im Paradies. Sie müssten nur die Nachrichten lesen um die verräterischen Anzeichen des „verkommenen Paradies“ zu bemerken: Man stöhnt über das Transportsystem, es ist teuer und auch gefährlich sich auf der Strasse zu bewegen. Das Meer, zu gefährlich, es gibt Unterströmungen und Diebe. Der Strom, es gibt keinen. Wasser aus der Leitung? Nicht überall und ja nicht zum Trinken. Oder, Mensch, schau mal der Junge wird als Schuhputzer ausgenutzt. Frauen gehen dem „leichten Gewerbe“ nach um ihre Kinder zu ernähren. Oder würdest du glauben, dass der Verkehrspolizist direkt ohne Umschweife nach Bargeld fragt?

Was glauben eigentlich diese Newcomer, wo sie hier gelandet sind!?!

Hatte ich es einfach? Nun ja, wenn ich die Zeit ohne regelmäßiges Einkommen, die sechs Stunden im Gefängnis in Punta Cana, eine gestohlene Enduro (4 Stunden alt), einen verlorenen Sohn, diverse Magenvergiftungen und den Umgang mit Korruption und Neid mal außer Acht lasse, dann würde ich sagen: Ja, den Kulturschock kenne ich so nicht.

Ich glaube, dass die meisten der heutigen „Kulturschock“ Probleme sich aus der Tatsache ergeben, dass Firmen Fehlentscheidungen treffen, in dem sie „fügsame Mitarbeiter“ ins Ausland schicken und nicht diejenigen, die ein wenig gegen den Strom schwimmen. Auch fehlt es an Erfahrung. Ohne die entsprechende Übung im Umgang mit den „Eingeborenen“ ist es schwierig in Ruhe seine Arbeit zu machen. Mitarbeiter, die in den Auslandseinsatz geschickt werden oder auch geschickt werden möchten, sollten intensiver beurteilt werden.

Genauso finde ich, dass sich die verliebten Männer und Frauen nicht von ihren Gefühlen leiten lassen sollten. Ein wenig mehr Objektivität könnte hier nicht schaden. Aber da gibt es ja so viele „Freunde“ der Freund(in), die uns schon helfen werden.

Familien mit Kindern stellen sich nach kurzer Zeit die Frage, wie sie die teuren internationalen Schulen bezahlen sollen oder wie sie es schaffen, ihre Kinder nach deutschen Maßstäben zu erziehen, was ja bei der karibischen Lebensweise gar nicht so einfach ist.

Und ich denke an die Rentner, mit ihrer kleiner oder teils auch recht großen Pension, die oft nur bis Mitte des Monats reicht. Sie sollten sich zunächst fragen, ob die Dominikanische Republik das richtige Paradies für sie ist, wenn sie täglich beim Einkaufen so viel Geld ausgeben und dann das Elend um sie herum sehen.

Saxophonspieler in La Vega

Saxophonspieler in La Vega © FrankMarenbach.de

Wenn du vorhast, in der Dominikanischen Republik Fuß zu fassen, deinen Weg zu finden und glücklich zu werden, dann musst DU ES SCHAFFEN WOLLEN. Das Verlangen es zu wollen, muss stark ausgeprägt sein. Das karibische Leben ist ganz anders als in Deutschland, der Schweiz oder Österreich. Du solltest auch bedenken, dass das Leben hier im Vergleich zu Europa viel weniger organisiert ist und es für nichts eine Sicherheit gibt.

Wenn du noch nicht weißt was du willst, unsicher bist, oder glaubst in Deutschland sei es doch besser, dann ist es besser, du bleibst wo du bist.

Wenn du denkst, dass es im nächsten Jahr eine Revolution geben könnte und alle Ausländer rausgeschmissen werden, auch dann solltest du nicht her kommen oder wieder nach Hause gehen. Wenn du über die soziale Ungerechtigkeiten und den einseitig verteilten Reichtum hier in der Dom. Rep. nachdenkst, solltest du dir vorher im Klaren sein, dass du dieses nicht ändern kannst. Eine Einmischung als Ausländer ist nicht angebracht. Man sollte immer zu erst vor der eigenen Haustüre kehren.

Aber wenn du es schaffen willst, dann schaffst du es.

Wenn du dann eine gewisse Zeit in der Dominikanische Republik lebst und plötzlich kommt er doch, der „Kulturschock„, dann verschwende deine Zeit nicht mit Besuchen bei irgendwelchen Therapeuten. Es ist raus geworfenes Geld. Stärke lieber dein Selbstvertrauen. Geh raus und suche dir Freunde. Ausländer die es geschafft haben. Die ihren eigenen Kulturschock schon überwunden haben.

Das sind nicht die, die am Straßenrand stundenlang mit dem Polizisten über Recht und Ordnung diskutieren, anstatt ihm gleich ein paar Peso zu geben. Es sind auch nicht die, die sich nur in den ausländischen Ecken, Kneipen und Restaurants aufhalten. Dort lästern, schimpfen und mobben.

Freunde kannst du überall finden. Überall dort, wo man die oben genannten nicht trifft und als Ausländer „standesgemäß“ nicht hingeht. Dort wo die Menschen lachen und fröhlich sind.

Noch einige meiner Empfehlungen für diejenigen, die es schaffen wollen:

1. Denke immer daran, dass du ein Ausländer bist und sei ehrlich zu dir selbst.
2. Das Leben ist kurz und hat immer auch eine humorvolle Seite. Genieße es.
3. Spreche mit erfahrenen Weltenbummlern. Höre nicht auf „Ich weiß es besser“ Kandidaten.
4. Die Landessprache zu können, kann helfen. Aber es ist viel wichtiger, lokale Werte und andere grundlegende Formen der Kommunikation zu verstehen.
5. Suche nach all den positiven Dingen in deiner Wahlheimat, die besser sind als in deiner alten Heimat. Meine Meinung ist, desto weniger ein Land entwickelt ist, desto mehr positive Seiten gibt es.
6. Erkenne, dass du als Weltenbummler denjenigen überlegen bist, die gemütlich zu Hause bleiben.
7. Lese keine Bücher über „kulturellen“ Übergänge. Lese Bücher, die du über die Geschichte des Landes, vor allem zu früheren Beziehungen, ob gut oder schlecht, mit deinem Herkunftsland finden kannst.
8. Behaupte nie irgend etwas über deine neuen Heimat, was nicht zu hundert Prozent stimmt.
9. Erinnere dich daran, dass du einer der wenigen bist, die das Glück haben, in einem anderen Umfeld leben zu können. Genieße es, deinen persönlichen Horizont zu erweitern. Du brauchst nichts dafür zu tun. Nimm die Erfahrungen einfach mit.

Woher weiß du, wann du deinen Kulturschock überwunden hast?

Dann, wenn dir jemand ein Angebot für die nächste Woche macht und dir einen Job in „Achwasweissichfüreinemland“ anbietet und du nur fragst, ob es da auch trocken ist.

Der Artikel in der nächsten Woche zum Auswandern in die Dominikanische Republik

erklärt dir, was wir hier in der Dom. Rep. unter kein „Problem haben“ – auf Spanisch „no problema“ – verstehen.